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BHKW Flex Fahrplan mit 96-Slot-Preisen: Neue Chancen für Wärmekunden

**TL;DR:** Seit der Umstellung auf viertelstündliche Day-Ahead-Auktionen liefert die EPEX 96 statt 24 Preissignale pro Tag. Für BHKW-Betreiber in Nahwärmenetzen wird die Fahrplanoptimierung damit zum echten kombinatorischen Problem – mit deutlich höherer Deckungsbeitragsspanne. Wärmekunden können über KWKG-Boni und Arbitrage-Beteiligungen profitieren, wenn Pufferspeicher und Hydraulik mitspielen.


## Warum 96 Slots ein Paradigmenwechsel sind


Bis Mitte 2025 lief die Day-Ahead-Auktion der EPEX SPOT mit 24 Stundenprodukten. Die Fahrplanoptimierung eines BHKW im Nahwärmenetz war entsprechend grob: 24 Entscheidungen "An/Aus" oder "Volllast/Teillast" pro Tag, meist mit Heuristiken gelöst. Mit der Umstellung auf 96 Viertelstundenprodukte (15-Minuten-MTU) hat sich die Dimensionalität des Problems vervierfacht.


Das klingt nach einer technischen Fußnote. In der Praxis ist es das nicht. Ein typisches 500-kWel-BHKW mit 1.500 kWth und angeschlossenem 60-m³-Pufferspeicher hatte im alten 24-Slot-Regime ca. 2^24 ≈ 16,7 Mio. theoretische Fahrplankombinationen. Im 96-Slot-Regime sind es 2^96 – eine Zahl, die man mit klassischer Enumeration nicht mehr löst. Das ist Mixed-Integer Linear Programming (MILP) oder, wenn man es ehrlicher aufzieht, heuristische Dekomposition mit kausalen Constraints.


### Was die Preissignale heute hergeben


Die Spreads innerhalb eines Tages sind in 2025/2026 volatiler geworden. Typische Werte aus unserer [electricity_price_forecast-Pipeline](https://stromfee.ai/dashboards):


- Ø Tagesspread 24-Slot (2023): 48 €/MWh

- Ø Tagesspread 96-Slot (2025): 89 €/MWh

- Einzelne Viertelstunden mit negativen Preisen: 8–14 % der Jahresstunden


Die interessante Beobachtung: Viele dieser Spreads entstehen *innerhalb* einer Stunde, also zwischen den vier 15-Minuten-Slots. Das war im 24-Slot-Regime schlicht unsichtbar.


## Technische Voraussetzungen für den BHKW-Flex-Fahrplan


Bevor man über Optimierung redet, muss die Hardware mitmachen. Nicht jedes BHKW ist flex-fähig im engeren Sinn.


### Modulationsbereich und Startzyklen


Ein typisches Jenbacher J312 oder MWM TCG 2016 hat einen Modulationsbereich von ca. 50–100 % Pel. Das klingt flexibel, ist aber in der Praxis von zwei Faktoren begrenzt:


1. **Thermischer Wirkungsgrad fällt im Teillastbetrieb** – bei 50 % Last oft um 3–5 Prozentpunkte niedriger.

2. **Startzyklen kosten Lebensdauer.** Die meisten Hersteller empfehlen max. 1–2 Warmstarts pro Tag. Wer ein BHKW im 96-Slot-Takt "hüpfen" lässt, zahlt mit Wartungsintervallen.


In der Praxis heißt das: Der Flex-Fahrplan muss Startzyklen als harten Constraint modellieren. Wir rechnen üblicherweise mit max. 4 Start/Stopp-Zyklen pro Tag als obere Grenze, darunter 6–8 Viertelstunden Mindestlaufzeit.


### Pufferspeicher als Pufferung


Der Pufferspeicher ist der eigentliche Flexibilitätsgeber. Eine Faustregel: Für jede kWth installierte thermische Leistung sollten 40–80 Liter Pufferspeicher verfügbar sein, wenn man nennenswerte Lastverschiebung fahren will. Bei einem 1.500-kWth-BHKW entspricht das 60–120 m³ – was in vielen Altanlagen schlicht fehlt.


### Messtechnik: 15-Minuten-Granularität zwingend


Wer im 96-Slot-Regime abrechnet, braucht auch messtechnisch 96 Slots. Registrierende Leistungsmessung (RLM) ist Standard, aber die interne Auswertung muss mitziehen. Wir sehen oft Janitza UMG 96-EL oder UMG 512-Pro im Feld – siehe auch unseren [Fachbeitrag zur MQTT-Anbindung](https://stromfee.me/blog).


## Die Optimierung: MILP vs. Kausalketten


Es gibt grob zwei Ansätze, einen 96-Slot-Flex-Fahrplan zu lösen.


### Klassisches MILP


Das mathematisch sauberste Verfahren. Zielfunktion: Maximierung des Deckungsbeitrags (Stromerlös + KWK-Bonus + vermiedene Netznutzungsentgelte − Brennstoffkosten − Wartungsproxy). Constraints: Wärmebedarfsdeckung, Speichergrenzen, Modulationsbereich, Startzyklen.


Typische Solver: Gurobi, CBC, HiGHS. Rechenzeit für ein 96-Slot-Problem mit Puffer-SoC als kontinuierliche Variable: 2–30 Sekunden je nach Modellkomplexität. Das ist für den Day-Ahead-Fahrplan völlig ausreichend.


### Kausale Dekomposition


Unser Ansatz in der Stromfee Causal Engine (LEAP-71-Pattern, 15 Kausalketten) arbeitet anders: Statt das Problem monolithisch zu lösen, wird es in sequenzielle Kausalketten zerlegt. Erst Wärmebedarfsprognose → dann Pufferbewirtschaftungsstrategie → dann Strompreis-Arbitrage-Layer → dann Start/Stopp-Feinplanung.


Das ist nicht mathematisch optimal, aber erklärbar – und erklärbar ist das, was ein Wärmenetzbetreiber gegenüber Kommune, Gesellschafter und Prüfer braucht. Die Lücke zum MILP-Optimum liegt in unseren Backtests bei 3–7 %.


## Was hat der Wärmekunde davon?


Das ist die Kernfrage. Ein BHKW, das nach Strompreis optimiert fährt, produziert Wärme nicht dann, wenn der Kunde sie braucht, sondern dann, wenn Strom teuer ist. Der Pufferspeicher gleicht das aus – aber wer zahlt ihn, und wer profitiert vom Mehrerlös?


### Modell 1: Wärmepreisrabatt


Ein mittelständisches Nahwärmenetz in Ostwestfalen (ca. 180 Hausanschlüsse, 2,4 MWth Anschlussleistung) hat in 2025 einen Flex-Fahrplan eingeführt und den Mehrerlös aus dem Stromverkauf hälftig an die Wärmekunden weitergegeben – als fixer Centbetrag pro kWh Wärme. Ergebnis: ca. 0,8 ct/kWh Wärmepreisreduktion bei ansonsten gleichbleibenden Bedingungen. Das ist real, aber kein Wundermittel.


### Modell 2: KWKG-Bonus weiterleiten


Der KWKG-Bonus für hocheffiziente KWK liegt je nach Anlagengröße und Inbetriebnahmejahr bei 3–8 ct/kWhel. Wer den Bonus maximiert (z. B. durch Fahrweise in Hochpreisfenstern), erhöht die Basis für eine Weitergabe. Rechtlich ist das über die Wärmelieferverträge zu regeln – AVBFernwärmeV setzt hier Grenzen.


### Modell 3: Kombinierte Regelenergie-Teilnahme


Wer die aFRR-Präqualifikation schafft (1 MW Mindestgebotsgröße, in Pools auch darunter), kann zusätzlich Regelenergieerlöse generieren. Das ist allerdings eine eigene Liga – mit IT-Security-Anforderungen nach BSI IT-Grundschutz und Steuerungsarchitektur, die viele kleinere Wärmenetzbetreiber nicht ohne Dienstleister stemmen.


## Regulatorische Fallstricke


### §14a EnWG und BHKW


§14a gilt primär für steuerbare Verbrauchseinrichtungen (Wärmepumpen, Wallboxen). BHKW fallen als Erzeugungsanlagen nicht darunter – aber die dahinterliegenden Wärmekunden mit Wärmepumpen-Backup können durchaus betroffen sein. Wer ein hybrides System (BHKW + Großwärmepumpe) betreibt, muss die §14a-Logik in den Fahrplan integrieren.


### Redispatch 2.0


BHKW ab 100 kW sind redispatch-pflichtig. Das heißt: Der Netzbetreiber kann den optimierten Fahrplan überstimmen. In unserem [Redispatch-Portal](https://stromfee.ai) sehen wir in 2025 zunehmend BHKW-Abregelungen in windstarken Regionen – primär Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen. Die Häufigkeit ist regional sehr unterschiedlich.


### KWKG-Zuschlagsberechtigung


Wer sein BHKW zu marktgetrieben fährt, riskiert theoretisch, die KWKG-Zuschlagsberechtigung zu gefährden, wenn die Jahresbenutzungsstunden unter 3.500 h fallen. In der Praxis ist das bei gut dimensionierten Anlagen kein Problem, sollte aber im Fahrplan-Solver als Constraint hinterlegt sein.


## Praxiszahlen: Was bringt der Umstieg?


Aus einer Auswertung von drei Nahwärmenetzen mit BHKW-Leistungen zwischen 250 und 1.200 kWel, die 2025 von 24-Slot- auf 96-Slot-Optimierung umgestellt haben:


| Kennzahl | 24-Slot | 96-Slot | Delta |

|---|---|---|---|

| Ø Stromerlös (€/MWhel) | 112 | 134 | +19,6 % |

| Volllaststunden (h/a) | 4.800 | 4.650 | −3,1 % |

| Startzyklen (1/a) | 320 | 480 | +50 % |

| Deckungsbeitrag (€/kWel·a) | 285 | 338 | +18,6 % |


Der Deckungsbeitrag steigt also real – aber nicht linear mit der Erlössteigerung, weil Wartungskosten und Lebensdauerverbrauch mitgehen. Wer den Flex-Fahrplan einführt, sollte die Wartungsverträge mit dem BHKW-Hersteller nachverhandeln.


## FAQ


**Brauche ich einen neuen Pufferspeicher für den 96-Slot-Fahrplan?**

Nicht zwingend, aber oft sinnvoll. Faustregel: 40–80 l/kWth. Unter 20 l/kWth wird der Flex-Hub sehr klein.


**Lohnt sich der Aufwand für kleine BHKW unter 100 kWel?**

Wirtschaftlich meist nicht. Die Fixkosten für Optimierungssoftware, Messtechnik und Direktvermarktung liegen bei 2.000–5.000 €/a. Das amortisiert sich erst ab ca. 150 kWel.


**Wie hoch ist der IT-Aufwand?**

Minimal: Day-Ahead-Preise einlesen, Fahrplan an BHKW-SPS schreiben (Modbus TCP, selten OPC UA). Maximal: Volle MILP-Optimierung mit Wärmebedarfsprognose, Wetter-API und Redispatch-Integration.


**Kann ich den 96-Slot-Fahrplan auch ohne Direktvermarkter fahren?**

Nein. Die Vermarktung der EPEX-Preise läuft zwingend über einen Direktvermarkter mit Bilanzkreisverantwortung.


**Was passiert bei Prognosefehlern im Wärmebedarf?**

Der Pufferspeicher puffert, bis er voll oder leer ist. Danach zwingt der Wärmebedarf das BHKW in einen Notfahrplan. Gute Solver rechnen robust, d. h. mit Sicherheitsabständen zur SoC-Grenze.


**Wie steht es um die Emissionsbilanz?**

Flex-Fahrweise verdrängt tendenziell Kohle- und Gaskraftwerke in Hochpreisfenstern. Die netto-CO₂-Bilanz wird dadurch leicht besser – marginal, aber messbar.


**Gibt es Förderung für die Flex-Umrüstung?**

Einzelne Programme der BAFA und der KfW fördern Pufferspeicher-Nachrüstung im KWK-Kontext. Kein Selbstläufer, aber prüfenswert.


## Fazit


Der 96-Slot-Flex-Fahrplan für BHKW ist kein Hype, sondern Folge der geänderten Marktstruktur. Wer ein ausreichend dimensioniertes BHKW mit Pufferspeicher betreibt, kann seinen Deckungsbeitrag um 15–20 % steigern – bei fairer Vertragsgestaltung profitieren auch die Wärmekunden. Die Hürden liegen weniger in der Mathematik als in Hydraulik, Wartungsverträgen und AVBFernwärmeV-konformer Preisweitergabe.


Wer einsteigen will, sollte mit einer Bestandsaufnahme beginnen: Modulationsbereich, Speichervolumen, Messtechnik, Direktvermarktungsvertrag. Erst dann lohnt der Blick auf Solver und Optimierung.


**Mehr zum Thema:** Simulieren Sie Ihren eigenen BHKW-Flex-Fahrplan in der [Stromfee


[gekürzt]

 
 
 

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