Kapazitive Blindleistung berechnen: Formel, Beispiel & Abrechnung

Kapazitive Blindleistung Q_C rechnest du entweder aus Spannung, Strom und Phasenwinkel (Q_C = U·I·sinφ) oder direkt aus der Kapazität (Q_C = U²·2πf·C). Sie zählt mit negativem Vorzeichen, weil der Strom der Spannung voreilt — und genau dieses Vorzeichen entscheidet, ob dein Netzbetreiber dir Blindarbeit in Rechnung stellt.
Aus Strom und Spannung: Q_C = U · I · sinφ (einphasig) bzw. Q_C = √3 · U · I · sinφ (dreiphasig, U = Außenleiterspannung). Aus Schein- und Wirkleistung: Q = √(S² − P²) — kapazitiv trägst du das Ergebnis mit Minuszeichen ein. Direkt aus dem Kondensator: Q_C = U² / X_C = U² · 2πf · C, mit dem kapazitiven Blindwiderstand X_C = 1 / (2πf · C). Einheit ist immer var (bzw. kvar), die Arbeit über die Zeit kvarh.

Gegeben: C = 30 µF, U = 230 V, f = 50 Hz. Erst X_C = 1/(2π · 50 Hz · 30·10⁻⁶ F) = 106,1 Ω. Dann Q_C = U²/X_C = 230² / 106,1 = 498 var, also rund 0,5 kvar. Der Strom dazu: I = U/X_C = 230/106,1 = 2,17 A. Bei einer Drehstrom-Kondensatorbatterie musst du auf die Schaltung achten: in Dreieckschaltung liegt die volle Außenleiterspannung an jedem Kondensator (Q = 3 · U² · 2πf · C), in Sternschaltung nur U/√3 (Q = U² · 2πf · C). Dieselben Kondensatoren liefern im Dreieck also die dreifache Blindleistung.

Wenn du induktive Blindleistung ausgleichen willst, rechnest du den Bedarf über Q_C = P · (tanφ₁ − tanφ₂): P ist deine Wirkleistung, φ₁ der Ist-Winkel, φ₂ der Ziel-Winkel. Beispiel: P = 100 kW, cosφ ist 0,75 (tanφ₁ = 0,882), Ziel cosφ 0,95 (tanφ₂ = 0,329) → Q_C = 100 · (0,882 − 0,329) = 55,3 kvar. Die nötige Kapazität folgt aus C = Q_C / (U² · 2πf). Wichtig: Rechne mit der tatsächlichen Betriebsleistung, nicht mit dem Typenschild — Anlagen im Teillastbetrieb haben einen deutlich schlechteren cosφ, und eine auf Volllast ausgelegte Kompensation überkompensiert dann.

Beim Kondensator eilt der Strom der Spannung um bis zu 90° voraus, beim Motor oder Trafo läuft er nach. Deshalb gilt die Konvention: induktive Blindleistung positiv (+Q), kapazitive negativ (−Q). Beide heben sich rechnerisch auf — genau das ist das Prinzip der Kompensation. Für die Scheinleistung addierst du trotzdem quadratisch: S = √(P² + Q²). Und beachte: Kompensation senkt deinen kWh-Verbrauch nicht um eine einzige Kilowattstunde, sie reduziert nur den Blindanteil und damit den Strom in Leitung, Sicherung und Trafo.

Auf dem Lastgang deines RLM-Zählers findest du getrennte Register: OBIS 3.8.0 für induktive und 4.8.0 für kapazitive Blindarbeit in kvarh; Vierquadranten-Zähler führen zusätzlich 5.8.0 bis 8.8.0 je Quadrant. Üblich ist eine Freimenge, die an cosφ 0,9 gekoppelt ist — jede kvarh darüber wird mit dem Blindarbeitspreis aus dem Preisblatt deines Netzbetreibers berechnet. Der Klassiker: die Kompensationsanlage läuft nachts und am Wochenende weiter, während die Motoren stehen. Die Anlage überkompensiert, es fließt kapazitive Blindleistung ins Netz zurück, und du zahlst kvarh, obwohl der Betrieb ruht. Ob und wie diese kapazitive Rücklieferung abgerechnet wird, steht im Netznutzungsvertrag bzw. Preisblatt — sie wird häufig anders behandelt als die induktive Freimenge.
Erstens: Lastgang oder MSCONS-Datei anfordern und schauen, wann die kvarh anfallen — nachts und am Wochenende deutet auf Überkompensation, tagsüber unter Last auf zu wenig Kompensation. Zweitens: Bei Wandlermessung prüfen, ob der Wandlerfaktor auch auf die Blindarbeit korrekt angewendet wurde; ein Faktor, der einmal im Zähler und einmal in der Abrechnung gerechnet wird, verdoppelt den Betrag. Drittens: Am cosφ-Regler die Abschaltung leerer Stufen und die Reglerparameter kontrollieren, defekte Schütze und ausgetrocknete Kondensatoren fallen oft unbemerkt aus. Viertens: Nachrechnen mit cosφ = P/S aus den kWh- und kvarh-Werten desselben Zeitraums — passt das Ergebnis nicht zur Rechnung, lohnt sich der Widerspruch.
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