Blindleistung einfach erklärt: var, cosφ und dein Zielwert

Blindleistung ist der Teil des Stroms, der zwischen Netz und deinen Spulen hin- und herpendelt, statt Arbeit zu leisten — gemessen in var, ins Verhältnis gesetzt über cosφ. Dein persönlicher Zielwert steht nicht in einem Physikbuch, sondern im Preisblatt deines Netzbetreibers oder Lieferanten.
In Wechselstromnetzen brauchen Spulen — Motoren, Trafos, Drosseln, Vorschaltgeräte — Energie, um ihr Magnetfeld auf- und wieder abzubauen. Diese Energie wird nicht verbraucht, sie pendelt in jeder Netzperiode hin und zurück. Genau dieses Pendeln ist die Blindleistung Q. Sie leistet keine Arbeit, belastet aber Kabel, Trafo und Sicherung genauso wie nutzbarer Strom — deshalb interessiert sie deinen Netzbetreiber.

var ist die Einheit der Blindleistung — eine Momentangröße, wie viel gerade pendelt. kvarh ist die Blindarbeit über die Zeit, also die Menge, die auf deiner Rechnung landet. cosφ ist kein Betrag, sondern ein Verhältnis: Wirkleistung geteilt durch Scheinleistung. Merksatz: var und kvarh sagen dir, wie viel. cosφ sagt dir, wie gut. Ein kleiner Betrieb mit schlechtem cosφ kann weniger kvarh haben als ein großer mit gutem — und trotzdem der Problemfall sein.

Du brauchst kein Messgerät. Nimm aus derselben Abrechnungsperiode die Wirkarbeit in kWh und die Blindarbeit in kvarh. Teile kvarh durch kWh — das ergibt tanφ. Über die Umkehrfunktion (arctan) kommst du auf den Winkel φ, davon der Kosinus ist dein cosφ. Wichtig: Das ist ein Periodenmittel über den ganzen Abrechnungszeitraum, kein Momentanwert. Für die Rechnung reicht das, für die Auslegung einer Kompensationsanlage nicht — dort brauchst du den Verlauf.

Es gibt keinen physikalisch richtigen cosφ. Der Wert, an dem du gemessen wirst, ist eine vertragliche Größe: Netzbetreiber und Lieferanten definieren im Preisblatt oder in den Ergänzenden Bedingungen eine Grenze, bis zu der Blindarbeit frei mitläuft, und darüber wird sie berechnet. Such genau danach — Stichworte sind Blindarbeit, Blindmehrarbeit, Freimenge, Leistungsfaktor. Erst wenn du diese Zahl schwarz auf weiß hast, weißt du, ob dein Ist-Wert überhaupt ein Problem ist. Ein Zielwert aus dem Internet ist wertlos, weil er nicht der Maßstab ist, an dem abgerechnet wird.

Blindarbeit erscheint als eigene Position mit eigener Menge in kvarh und eigenem Arbeitspreis, meist unter Blindmehrarbeit. Typische Fehlerquellen: Der Wandlerfaktor ist bei der Blindarbeit anders gesetzt als bei der Wirkarbeit, sodass die Mengen nicht zueinander passen. Oder die Freimenge wird auf den falschen Zeitraum bezogen. Oder es wird induktive und kapazitive Blindarbeit vermischt, obwohl deine Kompensation nachts überkompensiert. Auch der Leistungspreis hängt mit dran: Bei schlechtem cosφ steigt der Scheinstrom, und wenn dein Anschluss auf kVA statt kW ausgelegt abgerechnet wird, zahlst du das mit.
Fordere deinen Lastgang beim Messstellenbetreiber an — als MSCONS-Datei oder CSV in Viertelstundenwerten. Darin stehen die Register für Wirk- und Blindarbeit getrennt, oft auch nach Bezug und Lieferung. Drei Prüfungen: Erstens die Summe aller Viertelstundenwerte gegen die Rechnungsmenge stellen — sie muss aufgehen. Zweitens je Viertelstunde tanφ = kvarh ÷ kWh bilden und sehen, wann der Wert wirklich schlecht ist. Drittens prüfen, ob Blindarbeit auch dann läuft, wenn kaum Wirkarbeit fließt — das deutet auf eine Kompensation hin, die nicht mitregelt. Erst danach lohnt ein Gespräch über Technik oder eine Reklamation.
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